Die Kultur Malawis - und was sonst noch zum Alltag dazu gehört
Die malawische Kultur ist generell sehr „anders“ als unsere deutsche Kultur. Händchen – haltende Männer, die man oft auf der Straße trifft, sind nicht ineinander verliebt, sondern nur ganz normal befreundet. Besonders in den ersten Monaten habe ich immer zwei oder dreimal hingeguckt, weil der Anblick für mich dann doch etwas ungewohnt war. Mittlerweile gehört es genauso wie viele andere kulturelle Gewohnheit dazu. Auch die Tatsache, dass ich trotz meines für malawische Verhältnisse hohen Alters immer noch nicht verheiratet bin und keine Kinder habe, können viele Malawier nicht verstehen und nachvollziehen. Hier ist es für Frauen üblich, mit circa 16 Jahren zu heiraten und mit 20 Jahren schon mindestens zwei Kinder zu haben. Durch mein immer noch Single-Dasein passe ich also nicht wirklich in ihr kulturelles Frauenbild und sorge immer wieder für neues Staunen.
Generell wird hier in Malawi vielmehr Wert auf Traditionen gelegt, was mir jeden Tag aufs Neue auffällt, denn man geht nicht einfach wortlos aneinander vorbei, ganz egal, ob ich die andere Person kenne oder nicht. Stattdessen bleibt man meistens kurz stehen – was sehr zeitintensiv sein kann – und erkundigt sich zumindest nach dem Befinden des Gegenübers. Die Gespräche bleiben allerdings nicht immer auf diese Fragen beschränkt, sondern können durchaus auch schon mal recht persönlich werden. Wird im Gespräch deutlich, dass man zum Markt geht oder aber gerade vom Markt kommt, muss man oft den Einkaufszettel oder das Eingekaufte vorstellen und begründen. Hierdurch können die Gespräche (natürlich auf Chichewa) oft auch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, was eine perfekte Überleitung zum malawischen Zeitverständnis darstellt. =)
Die Uhren – falls überhaupt vorhanden – ticken definitiv anders! Hiermit ist nicht die momentane Zeitumstellung zu Deutschland gemeint. Der Arbeitsalltag eines Malawiers richtet sich nach der Sonne und beginnt meistens morgens um 4 Uhr mit der Arbeit auf dem Feld (ansonsten wird halt geputzt)! So kommt es auch schon einmal des öfteren vor, dass morgens gegen 5 oder halb 6 jemand an unserer Haustür klopft und dann doch eher verwundert dreinschaut, weil ich gerade erst aus dem Bett komme. Dafür ist hier der Tag gegen 6 oder spätestens 7 Uhr eigentlich zu Ende (dann ist es bereits stockdunkel) und die Malawier befinden sich nur noch in ihren Häusern, um dann auch schon bald ins Bett zu gehen. Ein Anruf um 20.00 Uhr könnte sie durchaus wecken! Tagsüber werden vereinbarte Termine zu bestimmten Uhrzeiten nicht ganz so streng gesehen wie in Deutschland. Das liegt oft daran, dass Malawier andere Prioritäten setzen.
Man lässt sich oft ein wenig mehr Zeit für Gespräche und kommt dann dafür 10 (oder mehr) Minuten zu spät zur Arbeit ! Es wird also in Malawi (dem warmen Herzen Afrikas) viel mehr Wert auf die Gemeinschaft und zwischenmenschliche Beziehungen gelegt, als auf einen strengen Terminplan, der unbedingt eingehalten werden muss.
Insgesamt erscheinen mir die meisten Malawier sehr geduldig und lassen sich selten aus der Ruhe bringen. Mit deutschem Organisationstalent kann man hier nichts anfangen. Stattdessen stehen Improvisation und Spontanität an der Tagesordnung – außer bei besonderen Feiern. Hier gibt es oft ein festgelegte Programm bestehend aus Reden, einer Vorstellungsrunde, fest eingeplante Zeit zum tanzen, gemeinsames Essen und Trinken, Austausch von Witzen und lustigen Geschichten und einer abschließenden Geschenkübergabe (natürlich auf malawische Art: Das Geschenk wird tanzend, nach zweimaligem „Antäuschen“ übergeben).
Nebenbei gibt es noch das Phänomen namens „Resten“ (ausruhen) – um das einfache Dasein in vollen Zügen genießen zu können. Besonders in den Dörfern leben die Menschen nicht, um zu arbeiten, sondern arbeiten eher, um zu leben. Statt einer festen Arbeit im Büro, konzentrieren sich Malawier auf ihr - wenn auch einfaches - Leben und scheinen damit mehr als zufrieden zu sein.
Die familiären Beziehungen sind ebenfalls sehr unterschiedlich zu denen in deutschen Familien. Zwar ist der Mann das Oberhaupt der Familie, doch meistens kümmert sich die Frau um das Kind – bzw. um die Kinder, denn viele Familien haben 7 bis 10 Kinder. Die Babys und Kinder werden übrigens nicht wie bei uns in Buggy oder Kinderwagen durch die Weltgeschichte gefahren, sondern immer eingewickelt im einem 2-Meter Stoff (Chitenje) auf dem Rücken getragen (selbst beim kochen, tanzen oder arbeiten). Dies erweist sich oft als ziemlich praktisch, da man auf diese Art schnell das Kind nach vorne „heben“ kann, um es zu stillen – natürlich in aller Öffentlichkeit!
„Knie zeigen“ ist in Malawi sehr verpönt und wird oft mit Prostitution in Verbindung gebracht. Deswegen sollten die Röcke lang genug sein, um sämtlichen Tratsch, der hier immer wieder gerne ausgetauscht wird, zu vermeiden. Ausschnitt scheint jedoch egal zu sein.
Genauso scheint es meistens egal zu sein, ob Kinder öffentliche Toiletten oder doch den Straßenrand für ihre großen und kleinen Geschäfte nutzen. Hygiene wird im Allgemeinen schon beachtet, allerdings stehen den Malawiern nicht die selben Mittel zur Verfügung wie uns Deutschen. Es gibt beispielsweise auf den vorhandenen „Plumpsklos“ keine Waschbecken und auch der afrikanische Staub erschwert, trotz des täglichen Putzens, das Leben in Sauberkeit.
Die vielen Unterschiede der Kulturen bringen Unmengen an neuen und interessanten Erfahrungen mit sich und werden mein Leben sicherlich bereichern. Im August könnt ihr dann selbst sehen, inwieweit ich mich den malawischen kulturellen Gegebenheiten und vor allem dem afrikanischen Zeitverständnis angepasst habe =)
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